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Ausstellung würdigt Meister der ruhigen Hand

Bis ins 19. Jahrhundert galten Mikrografien als Statussymbol

Gast Autor*in |

© Stadtbibliothek Nürnberg

Stadtbibliothek

Wer einen Geburtstagsgruß schreibt, bemüht sich meist um eine schöne Handschrift. Schließlich will man dem Jubilar damit auch Wertschätzung zeigen. 

Für die Schrift waren in früheren Jahrhunderten sogenannte Schreib- und Rechenmeister zuständig, die ihre Schüler in Lesen, Rechnen und eben auch Schreiben unterrichtet haben. Besonders begabte Jugendliche erhielten außerdem Unterricht in Kalligrafie. Der berühmteste und einflussreichste Schreibmeister seiner Zeit war der Nürnberger Johann Neudörffer (1497–1563), der auf dem Johannisfriedhof begraben ist. Er hatte entscheidenden Anteil an der Entwicklung der deutschen Frakturschrift, die bis ins 19. Jahrhundert vorherrschend war. 

Albrecht Dürer war von Neudörffers Fähigkeiten derart überzeugt, dass er den Schreibmeister die Texte für seine berühmten Apostelbilder schreiben ließ. Weitere bekannte Schreibmeister stammen beispielsweise aus der Familie Püchler aus Schwäbisch Gmünd. Auch die Nürnberger Caspar Mannich sowie Johann Leonhard Tauber waren derartige Experten. Tauber war eigentlich Müller von Beruf, beschäftigte sich aber auch intensiv mit Kalligrafie.

Die Nürnberger Stadtbibliothek besitzt einen wertvollen Fundus schön gestalteter Einblattdrucke. Die wissenschaftliche Leiterin Dr. Christine Sauer stellt 25 außergewöhnliche Exemplare in der Sonderausstellung „Schriftbilder“ vor, die noch bis zum 9. Januar 2027 auf der Ebene L2 zu sehen ist. 

Dr. Christine Sauer zeigt ein besonderes und wertvolles Blatt aus dem Fundus. / © Claus Felix
© Claus Felix

Zu welchen Zwecken nutzte man die mit Schnörkeln verzierten, grafisch fein gestalteten Einblattdrucke? Oft ging es um Urkunden, Abschiede, Danksagungen, Neujahrs- und Geburtstagsgrüße oder auch die Wahl in den Nürnberger Rat – besondere Anlässe erforderten eben individuell gestaltete, kalligrafische Meisterwerke. Häufig kommen auch religiöse Themen vor: Die Summe der Evangelien wird auf einem Blatt, die Bergpredigt auf einem anderen zusammengefasst, das Leiden und Sterben Christi ist ebenfalls Gegenstand künstlerischer Übung. Auch Herrscherbilder oder Porträts berühmter Menschen waren beliebt. 

Dabei zeigten die Schreibmeister ihre außergewöhnlichen Fähigkeiten in der Mikrografie, für die eine absolut ruhige Hand und ein sehr gutes Auge notwendig waren: In winzigen Buchstaben – so als wären es die Fußabdrücke von Ameisen – sind die Texte auf Papier oder Pergament gebracht und ergeben dabei das Bild der dargestellten Person. Um 1750 entstand beispielsweise ein Konterfei Martin Luthers, bei dem selbst Hinweise zum Lesen gegeben wurden – etwa, dass sich der 25. Psalm auf dem linken Arm des Reformators befindet.

Ein Schreibmeister der Familie Püchler hat das leidende Gesicht Christi in Mikrografie gefasst: In den Haaren Jesu ist in allerkleinsten Buchstaben die ganze Passion beschrieben. Ohne Vergrößerungsglas, Brille oder Mikroskop ist der Text nicht zu lesen. Das war die besondere Fähigkeit der Schreibmeister: kaum erkennbare Sätze haarfein zu notieren und gleichzeitig ein Bild zu erschaffen. Darin besteht auch der spezielle Reiz dieser Arbeiten: Man kann das Kunstwerk stundenlang betrachten und immer wieder Neues entdecken. Wer zum Beispiel das Porträt des sächsischen Kurfürsten Johann Friedrich unter die Lupe nimmt, entdeckt, dass das Barett des Herrschers Martin Luthers Kirchenlied „Eine feste Burg ist unser Gott“ enthält. Die sächsischen Landesherren waren zur Reformation übergetreten. Augenbrauen, Nase, Wams und Hände von Johann Friedrich sind mit kleinsten Wörtern geformt, die auf den ersten Blick wie Striche erscheinen. 

Bild zur Ausstellung "Schriftbilder"
Ihre Einblatt-Arbeiten verschenkten die Schreibmeister auch gerne in der Hoffnung auf eine Gegenleistung. / © Stadtbibliothek Nürnberg
© Stadtbibliothek Nürnberg

„Diese Fingerfertigkeit bei der Mikrografie ist wirklich einmalig, das ist faszinierend“, meint Bibliothekarin Dr. Christine Sauer, „man muss richtig in das Bild hineinkriechen, um es lesen zu können.“ Die Kunstwerke waren nicht zum Aufhängen an einer Wand gedacht. Der Besitzer hatte das Einzelblatt vor sich auf dem Tisch liegen, drehte und wendete es und stieß ständig auf neue Details. Dabei wusste der Kenner die außergewöhnliche Fähigkeit des Schreibmeisters zu schätzen. 

Ein besonderes Schaustück der Sonderausstellung in der Nürnberger Stadtbibliothek ist eine mikrografische Darstellung von Leonardo da Vincis „Letztem Abendmahl“ – sie erstreckt sich über zwei Vitrinen und bietet zahlreiche Details zur Betrachtung. 

Diese Einblatt-Arbeiten konnten Geschenke für den Rat der Stadt sein, mit denen Schreibmeister auf Beachtung – und auch auf ein kleines Geldgeschenk oder einen Auftrag – hofften. Die besonderen Dokumente fanden sich außerdem in Kunst- und Wunderkammern, die seit der Spätrenaissance als Statussymbole der Mächtigen immer mehr in Mode kamen. 

Im 19. Jahrhundert verlor sich die Kunst der Mikrografie zunehmend. Mit der Neuorganisation des Schulwesens verlor auch der Berufsstand der Schreibmeister an Bedeutung; zugleich spielte die kunstvolle Kalligrafie im Unterricht eine immer geringere Rolle.
 

Text: Hartmut Voigt

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