Mitreden heißt mehr, als nur Worte zu finden
Themenreihe fördert Austausch, Offenheit und Begegnung
Gast Autor*in |
Bildungszentrum, Stadtbibliothek
Diese Erfahrung kennen viele, irgendwann und womöglich, ohne groß darüber nachzudenken, wird in lebhafter Runde eifrig diskutiert. Menschen tauschen sich aus, manche sind schnell als Wortführer ausgemacht. Nur ich komme mir vor wie ein Außenseiter, fühle mich ausgebremst und abgehängt, ja übergangen. Dabei hätte ich auch etwas beizusteuern…
Das kann, zum Beispiel auf einer Auslandsreise,ganz banal an fehlenden Sprachkenntnissen liegen. Aber natürlich ebenso am Thema und Inhalt von Gesprächen, sogar im Freundeskreis. Und nicht zuletzt, womöglich auch im Beruf, an einer inneren Scheu oder einer fehlenden Portion Selbstvertrauen. Doch das lässt sich ändern – und das Bildungszentrum wie die Stadtbibliothek helfen mit vielfältigen Angeboten.
Genau die bündelt der Bildungscampus jetzt in einem eigenen Programmblock. Der Titel ist weit mehr als ein gemeinsamer Nenner verschiedenster Kurse, Vorträge und Seminare, er ist zugleich eine zentrale Kategorie unseres Zusammenlebens: „Mitreden“ ist Grundlage für ein gelingendes Miteinander, für fairen Austausch, Selbstbestimmung und konstruktive Verständigung. Gewiss: Nur allzu gerne wird das derzeit angesichts aktueller Herausforderungen in Politik und Gesellschaft – geradezu beschworen und klingt nach einem Gemeinplatz.
Da ist es gut, das noch einmal sozusagen durchzubuchstabieren. Was heißt das eigentlich, wie klappt „Mitreden“ ganz konkret und was braucht es dafür? Zu denen, die sich viel damit beschäftigen und in dem neuen Programmblock vertreten sind, gehört Thomas Grethlein. Bekannt ist der IT-Manager und leidenschaftliche Clubfan vielen vermutlich als früherer Chef im Aufsichtsrat des 1. FCN – und nicht unbedingt als studierter Philosoph. Damit war er allemal eine Ausnahme auf einem solchen Spitzenposten der Sportwelt. Aber er versteigt sich ja auch keineswegs in abgehobene Denkwelten, sondern nimmt ganz bodenständig vor allem alltägliche Sachverhalte und Erfahrungen in den Blick.

Und da spielt der Austausch eine Schlüsselrolle: „Tatsächlich reden wir insgesamt zu wenig miteinander – jedenfalls im Vergleich zur Menge der Botschaften, mit denen wir auch über Social Media oder Podcasts teilweise überschwemmt werden. Alles in allem sind wir heute oft mehr Empfänger als Sender“, ist der 68-Jährige überzeugt. Auch wenn es „gefühlt“ andersherum zu sein scheint, gerade in aufgeheizten Debatten: Da geht es oft mehr oder gar bloß um blankes „Dampfablassen“, Poltern und Rausposaunen.
„Mitreden“ meint hingegen weniger Geschwätz als Gespräche, bei denen die Teilnehmenden aufeinander eingehen, um gemeinsam Perspektiven zu entdecken, und erst einmal zuhören. „Dann gehören dazu eine Offenheit, wirkliches Interesse und ein Begreifen-Wollen, was andere bewegt.“ Mit einer breiten Palette an ganz praktisch ausgerichteten Kursen wird das beim Bildungszentrum in drei Richtungen konkret: beim Mitreden in vielen Sprachen, beim Mitreden über die Welt und beim Mitreden im Alltag.
Dreh- und Angelpunkte im Sprachenbereich sind natürlich Konversationskurse, ob in Deutsch, Englisch, Rumänisch, Spanisch, ja sogar Vietnamesisch. Oder reizt es mich vielleicht, auf Französisch zu flirten? Oder beim Spielen fast nebenher Italienisch zu lernen? Es darf und soll Spaß machen – und wie schön, wenn ich es schaffe, mich auch in einer anderen Sprache verständlich zu machen.
Einen Schritt weiter geht es beim Sprechen für und vor einem Publikum, sei es auf einer Bühne oder am Radiomikrofon: Vom Stimmtraining über ein Dialogformat „Sprechen und Zuhören“, die Beschäftigung mit Literatur, die Vorstellung spannender Reisen bis zu einem Debattierclub spannt sich ein weiter Bogen im Bereich „Mitreden über die Welt“.
Hier sind auch die Philosophischen Stadtgespräche angesiedelt, zu denen Thomas Grethlein jeweils einen besonderen Gesprächspartner einlädt. Mitreden dürfen und sollen – neben und nach dem Gast – natürlich auch die Teilnehmenden.
Im dritten Block rückt noch stärker der Persönlichkeitsaspekt in den Vordergrund, etwa im Zusammenhang mit Zukunftskompetenzen in der Arbeitswelt oder sicherem Auftreten auch bei Bewerbungen. Das reicht bis zu nachhaltigeren Lebensformen und der Förderung von Selbstführung und innerer Stärke. Und der Titel einer kleinen Sparte eignet sich perfekt auch als Devise für das gesamte Projekt: „Mitreden statt abgehängt werden“.
Text: Wolfgang Heilig-Achneck