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Das alte Medium Vinyl lässt die Musikbibliothek neu erklingen

Renaissance der Schallplatten

Gast Autor*in |

Stadtbibliothek

Sammlung wird um Schallplatten regionaler Künstler erweitert

Musikbibliothek in der Stadtbibliothek Nürnberg
Musik spielt eine wichtige Rolle in der Stadtbibliothek. Künftig gibt es auch eine Auswahl auf Vinyl. / © Uwe Niklas

Ein wenig verblüfft war Tobias Leitmann schon, als letzten Dezember eine Mitarbeiterin der Stadt bei ihm im Laden stand und ihm eröffnete, dass die Musikbibliothek Nürnberg künftig wieder Schallplatten in ihr Sortiment aufzunehmen gedenkt. Seit 20 Jahren betreibt Leitmann den Plattenfachhandel „mono-Ton“ – und Platten steht hier tatsächlich noch für Vinyl, also richtig Schallplatte. Zwar werden bei „mono-Ton“ auch CDs verkauft, aber kreisrunde Rillen, durch die eine Nadel fährt, stellen das Hauptgeschäft. Nun ist die Schallplatte jedoch ein Tonträger aus dem letzten Jahrhundert. Viele Jahrzehnte lang waren die runden, zumeist schwarzen Scheiben das Maß der Dinge.

Erste Konkurrenz als Tonträger tauchte in den 1970er Jahren mit der Kompaktkassette auf. In den 1980er Jahren kam die digitale CD, in den 90ern dann mp3. Heute kommt Musik vorwiegend gestreamt aus der Wolke. Doch die Ur-Uroma Schallplatte hat all diese Neuerungen überlebt – und erfreut sich nach einer kurzen Durststrecke (richtig weg war sie nie) allerbester Gesundheit. Seit 2010 steigen weltweit die Produktions- und Verkaufszahlen von Vinyl wieder, allerdings nur in Relation. Allem Hype zum Trotz macht die Schallplatte in der Gesamtrechnung heute nur knapp ein Prozent des Umsatzes am deutschen Musikmarkt aus. Immerhin: Vinyl ist wieder en vogue. Die steigenden Verkaufszahlen waren aber nur ein Grund für die Musikbibliothek Nürnberg, darüber nachzudenken, Schallplatten zurück ins Sortiment zu holen.

Plattenladen "mono-ton" in Nürnberg
Im Plattenladen „mono-Ton“ findet der Fan eine große Bandbreite an Klassikern und Raritäten. / © Masha Tuler

„In Hamburg, Frankfurt und Saarbrücken gibt es so etwas schon, aber auch bei uns fragen die Besucher immer wieder nach Vinyl“, erklärt Florian Wünsch, Leiter der Nürnberger Musikbibliothek. Doch einfach nur ein paar Schallplatten in die Ausleihregale zu stellen – damit ist es für die Musikbibliothek nicht getan. Ab Oktober soll es am Gewerbemuseumsplatz eine „Klingende Etage“ geben, in der die Besucherinnen und Besucher intuitiv Musik erleben können – und eben auch mit dem alten, sensiblen Medium Schallplatte. „Wir möchten das anbieten, damit die Menschen diese Kulturtechnik wieder lernen können“, sagt Florian Wünsch. „Die Schüler, die zu uns kommen, kennen nur YouTube und Spotify, da geht das Haptische völlig verloren. Dass die dann hinterher nicht alle gleich Vinyl-Fans werden und zu Hause Schallplatten hören werden, ist klar, aber zumindest haben sie das Medium mal erlebt.“

Und auch Fans der guten alten Schallplatte werden in der Musikbibliothek auf ihre Kosten kommen. So wird es an der neueröffneten „Vinylbar“ ab Oktober unter anderem die Möglichkeit geben, Schallplatten schnell und einfach zu digitalisieren: nur einen USB-Stick mitbringen, einstöpseln, Platte auflegen und Musik überspielen. Dass dieser Vorgang in Echtzeit passiert, ist Teil des (vergessenen) Spiels. Auch soll es Vinyl-Einführungskurse geben. Dass sich daraus mehr entwickeln kann, zeigt ein Blick nach Frankfurt: Dort ist aus dem Angebot eine Gruppe gewachsen, die sich regelmäßig zu Hör-Sessions in der Musikbibliothek trifft und dort im Rudel eine heiße Rille fährt.

Musikbibliothek in der Stadtbibliothek Nürnberg
Schallplatten haben in den vergangenen Jahren ein Comeback erlebt. / © Masha Tuler

„Wenn so etwas daraus entsteht, ist das natürlich großartig“, schwärmt Wünsch. Geplant ist, die Musikbibliothek Nürnberg vorerst mit 75 Platten zu bestücken. Das Thema ist vorgegeben: Es sollen ausschließlich Bands und Musiker aus Nürnberg und Umgebung sein. Und die darf – damit schließt sich der Kreis – Tobias Leitmann von „mono-Ton“ einkaufen. Der findet das Thema spannend. „Wobei das gar nicht so einfach ist“, sagt der
Musik-Fachmann, der für diesen Auftrag zwei Listen anlegen wird: Eine mit Platten, die er vorrätig hat, und eine zweite mit Scheiben, die er unbedingt in dieser Sammlung haben möchte. Allerdings muss er bei denen erst noch gucken und recherchieren, wo er sie herbekommt – und ob es diese Musik
überhaupt jemals auf Schallplatte gegeben hat. „Bei den Nürnberger Bluesern wie Rudi Madsius und Klaus Brandl bin ich mir nicht sicher, ob deren Soloalben jemals auf Vinyl erschienen sind. Ansonsten schwebt mir ein schöner Querschnitt durch die Jahrzehnte vor – vom unvergessenen Ungummi Orchäster hin zu dem Indie-Trio A Tale Of Golden Keys, das in den letzten Jahren Furore gemacht hat. Neben wichtigen Musikgruppen aus dem Großraum wie den Shiny Gnomes oder The Truffauts hätte ich aber gerne auch die Fürther Psychedelic Folk-Band Carol Of Harvest dabei. Deren Debütalbum von 1978 ist eine der teuersten Platten der heimischen
Szene, aber da weiß ich von einer bezahlbaren Wiederveröffentlichung.“ „Es ist einfach mal ein Test“, sagt Florian Wünsch von der Musikbibliothek. „Wenn wir es nicht ausprobieren, werden wir nicht erfahren, ob es
funktioniert.“

Text: Stefan Gnad
Fotos: Masha Tuler

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