Stadt Nürnberg stellte Ergebnisse zur Erforschung und Restitution der Sammlung IKG vor
Die Stadt Nürnberg hat in einer Pressekonferenz die aktuellen Ergebnisse zur Erforschung und Restitution der Sammlung der Israelitischen Kultusgemeinde (IKG) vorgestellt. Oberbürgermeister Markus König und die Zweite Bürgermeisterin Prof. Dr. Julia Lehner informierten gemeinsam mit Leibl Rosenberg, Beauftragter der Stadt Nürnberg für die Sammlung IKG, über den Stand der Provenienzforschung, internationale Rückgaben und konkrete Einzelfälle. An der Veranstaltung nahm auch Rabbiner Steven Langnas von der Israelitischen Kultusgemeinde Nürnberg teil, der ein Buch aus dem Besitz seiner Vorfahren entgegennahm.
Die Sammlung der Israelitischen Kultusgemeinde
Die Sammlung IKG in der Wissenschaftlichen Stadtbibliothek Nürnberg ist eine Dauerleihgabe der Israelitischen Kultusgemeinde Nürnberg. Sie besteht aus Überresten der ehemaligen Redaktionsbibliothek des antisemitischen Hetzblattes „Der Stürmer“ sowie einer Privatbibliothek des NS-Kriegsverbrechers Julius Streicher und umfasst derzeit rund 9.000 Schriften.
Für 3.697 Exemplare liegen Provenienzeinträge vor, mehr als 3.500 Bücher und Provenienzmerkmale wurden digitalisiert. Insgesamt identifizierte die Stadt Nürnberg bislang 2.210 Vorbesitzerinnen und Vorbesitzer, 1.120 Fälle gelten als geklärt. Die Stadt arbeitet dabei mit rund 240 Vertrags- und Vereinbarungspartnern zusammen. Rückgaben erfolgten bisher in 19 Länder weltweit, darunter Deutschland, Israel, die Vereinigten Staaten, Großbritannien, Frankreich, Italien, Mexiko, Südafrika und Australien. Die Sammlung dokumentiert ein außergewöhnlich breites Spektrum literarischer, künstlerischer und wissenschaftlicher Druckwerke aus der Zeit zwischen 1700 und 1944. Schriften in 25 Sprachen aus mindestens 540 Orten und 25 Ländern verdeutlichen die kulturelle Vielfalt, die durch die nationalsozialistische Verfolgung gewaltsam zerstört wurde.

„Für die Familien ist der Wert dieser Fundstücke unschätzbar”
Oberbürgermeister Markus König betonte die besondere Verantwortung der Stadt: „Die Rückgabe von verfolgungsbedingt entzogenen Kulturgütern ist keine freiwillige Leistung, sondern eine moralische und rechtliche Pflicht. Jedes einzelne Buch der Sammlung IKG steht für ein individuelles Schicksal und eine gewaltsam unterbrochene Lebensgeschichte. Die Stadt Nürnberg stellt sich dieser Verantwortung seit 1998 konsequent und transparent. Damit gehört Nürnberg zu den Pionieren der Provenienzforschung und der freiwilligen Restitution von NS-Raubgut.“
Bürgermeisterin Prof. Dr. Julia Lehner hob die ethische und kulturelle Dimension der Arbeit hervor: „Beim Umgang mit Raubgut geht es nicht allein um juristische Fragen, sondern ebenso um historische Verantwortung und ethische Maßstäbe. Alle Menschen, die vom nationalsozialistischen Regime verfolgt wurden, haben Anspruch auf Anerkennung ihres Leids und auf eine faire Behandlung ihrer Hinterlassenschaften.“
Leibl Rosenberg, Beauftragter der Stadt Nürnberg für die Sammlung IKG, unterstrich die Grundprinzipien der Restitutionsarbeit: „Restitution verfolgungsbedingt entzogenen Kulturguts setzt das Eingeständnis voraus, derlei Güter in Besitz zu haben und die Ergebnisse entsprechender Recherchen proaktiv publik zu machen. Das gilt für sämtliche Institutionen und Sammlungen, für Bibliotheken, Archive oder Museen weltweit. Die Rückgabe von Raubgut darf nicht nach Gutdünken oder persönlichen Vorlieben erfolgen. Es gibt keine Opfer erster, zweiter, oder dritter Klasse. Alle von den Nazis zu Feinden erklärte Menschen und deren Vereine, Verbände und Institutionen wurden zu Freiwild erklärt und zu Opfern willkürlicher Gewalttaten Der Wert von Kulturgütern bemisst sich jenseits von finanziellen, vermögenstechnischen oder politischen Kategorien in erster Linie an ihrer historischen, persönlichen und emotionalen Bedeutung. Für die Familien ist der Wert dieser Fundstücke unschätzbar, das Echo eine Mischung aus Freude, Trauer und Dankbarkeit.“
Ein besonderer Moment war die Übergabe eines Buches an Rabbiner Steven Langnas
Im Rahmen der Pressekonferenz wurden mehrere konkrete Restitutionsfälle vorgestellt, die exemplarisch für die internationale und persönliche Dimension der Provenienzforschung stehen. Ein besonderer Moment war die Übergabe eines Buches aus dem Besitz von Henryk Henoch Langnas aus Lodz an seinen Verwandten, Rabbiner Steven Langnas. Es handelt sich um den zweiten Band des Werkes „Berühmte israelitische Männer und Frauen in der Kulturgeschichte der Menschheit“ von Adolph Kohut aus dem Jahr 1901, der sowohl den handschriftlichen Namenseintrag des ursprünglichen Besitzers als auch einen Stempel der nationalsozialistischen Hetzzeitung „Der Stürmer“ trägt.

Weitere vorgestellte Fälle betrafen unter anderem die Restitution einer Pessach-Haggada aus dem Besitz von Sigmund Brom aus Fürth an einen Angehörigen in Cuernavaca, Mexiko, sowie die Rückgabe eines Prämienbuches aus dem Besitz von Lucie Emmerich aus Berlin, die, hochbetagt, in Palo Alto, Kalifornien wohnhaft ist.
Mit der Erforschung und Restitution der Sammlung IKG bekennt sich die Stadt Nürnberg ausdrücklich zu den Grundsätzen der Washingtoner Erklärung von 1998. Die Provenienzforschung wird fortgesetzt, weitere Rückgaben sind geplant. Ziel bleibt es, Transparenz herzustellen, historisches Unrecht sichtbar zu machen und – soweit heute noch möglich – einen Beitrag zur historischen Gerechtigkeit zu leisten.
Text: Geschäftsbereich Kultur der Stadt Nürnberg





