Ranga Yogeshwar: „Die Kultur fängt da an, wo das Geschäft aufhört”

Ranga Yogeshwar: „Die Kultur fängt da an, wo das Geschäft aufhört”

Wissenschaftsjournalist sieht die Ökonomisierung des Wissens kritisch

Als Journalist ist Ranga Yogeshwar gewohnt, für seine Recherche vielfältige Quellen zu nutzen. Natürlich auch Bücher. Der bekannte Moderator verschiedener Wissenschaftsformate im Fernsehen hat aber noch eine andere enge Verbindung zu Bibliotheken. Sein Großvater gilt als einer der Begründer des modernen Bibliothekswesens. Dessen Gesetze zu Struktur und Bedeutung der Quellensammlung haben bis heute Gültigkeit. In einem Gastvortrag geht Ranga Yogeshwar zum Jubiläum der Stadtbibliothek Nürnberg auf diese Kernaussagen ein. Vorab verrät er in unserem Interview aber, was ihn noch heute an Bibliotheken begeistert.

Wann haben Sie zuletzt eine öffentliche Bibliothek benutzt?
Ranga Yogeshwar: Ich tue das fast täglich und zwar online. Ich besorge mir dort wissenschaftliche Informationen. Viele denken im Zusammenhang mit Bibliotheken an ein festes Gebäude und verstehen unter dem Begriff zunächst etwas anderes. Aber im Bereich der Software geht es um einen öffentlichen Zugang, zum Beispiel über GITHUB. Die Gemeinschaft arbeitet an Open Sources, also freien Zugängen. Das ist eine echte Kultur geworden. Mir gefällt es, dass eine Wir-Kultur dabei entsteht. Ich kann mir an verschiedenen Orten gelagerte Bestände als entsprechende Paper herunterladen.

Welche Informationen besorgen Sie sich noch auf Papier, wann lesen Sie Gedrucktes?
Ich bin ein echter Vielleser. Ich kaufe die Bücher meistens doppelt, einmal gedruckt und einmal elektronisch, weil ich so viel unterwegs bin. Ich brauche die Vergewisserung des Physischen. Ich würde Gedrucktes nicht abschaffen. Außerdem warne ich vor einem häufigen Fehler in der Vergangenheit, nämlich die Archive zu vergessen. Manche vergammeln regelrecht. Dabei kann man beim Studium der Originale noch vieles mehr entdecken als in der digitalen Version. Wir haben die Verpflichtung, den Schatz zu hüten.

Ihr Großvater gilt als einer der Väter des Bibliothekswesens. Vor etwa 80 Jahren stellte er fünf Gesetze auf. Eines heißt, Bibliotheken sind wachsende Organismen. Was bedeutet das für die heutige Zeit?
Das bedeutet, dass das Selbstverständnis wächst, welches das Wort Bibliothek hervorruft. Wenn man moderne Bibliotheken anschaut, gehen sie über das Buch hinaus. In Köln ist eine Bibliothek zum Beispiel ein gemeinschaftlicher Ort, an dem Wissen geteilt wird. Es ist, weit mehr als in Geschäften wie Buchhandlungen möglich, ein Ort des Austauschs.

Ihr Großvater entwickelte auch ein System, wie Wissen schnell auffindbar ist. Das ist heute auch eine Grundlage für digitale Wissensplattformen. Wie funktioniert es?
Es gab verschiedene Ordnungssysteme des Wissens. Manche nach Farben, andere nach dem Alphabet oder nach Themenbereichen oder man setzte auf die Dezimalklassifikation. Diese teilt das Wissen in zehn Fachbereiche, zehn Unterbereiche und so weiter. Was aber fehlte, war die Vernetzung untereinander. Das Thema Hund findet sich so unter Tiere. Aber wenn es in einem literarischen Buch um einen Hund und sein Herrchen geht, ist das nicht berücksichtigt. Mein Großvater entwickelte eine auf Facetten basierende Organisation. Somit wurde ein Buch nach verschiedenen Facetten eingeordnet, beispielsweise ist der Mond ein geologisches Thema, ein poetisches, ein kindgerechtes, und so fort.

Diese Art Vernetzung ist eine Grundidee des Internets, oder?
Ja. Google ist eine Suchmaschine. Ich sage schon länger, wir brauchen eine Findemaschine. Durch den Einsatz von Künstlicher Intelligenz wird das möglich. Es wird an Universitäten umgesetzt.

Die Bibliothek in Peking ist für den Wissenschaftsjournalisten schon heute ein eindrucksvolles Zeugnis der Zukunft.

Bibliotheken locken heute mit Aufenthaltsqualität, mit Wohlfühlatmosphäre. Reicht das für den Fortbestand öffentlicher Bibliotheken aus?
Wohlfühlen ist zu wenig. Es ist ein Ort, an dem man sich auf Inhalte fokussiert. Anders als in der Welt der Erregbarkeit und Ablenkung, herrscht in einer Bibliothek ein Klima der Konzentration. Das ist nicht Ausdruck des Gebäudes, sondern eine Grundhaltung. Das vermissen die Menschen sonst. Zum Auffinden von Wissen benötigen wir eine physische Bibliothek. Bibliotheken sind ein Lackmustest für die Gesellschaft, für die soziale Sorgsamkeit einer Gemeinde. Es zeigt sich daran, ob man sich wirklich für Menschen einsetzt. Bibliotheken sind ein Schaufenster dieser Haltung. Das sieht man schon an den Bauten. Wenn sie ansprechend und aufwändig gebaut sind, zeigt sich dadurch, dass Bildung einen hohen Stellenwert besitzt.

Der Zugang sollte kostenlos sein?
Das ist natürlich sehr wichtig. Ich habe den Kampf um das Copyright erlebt, dass man für Inhalte bezahlt. Dass man für Wissen bezahlt, ist keine schöne Entwicklung. Der Inhalt gehört der Gesellschaft, denn die unterhält die Universitäten und Forschungsstätten. Anders ist es bei Wissenschaftszeitschriften. Aber es ist ein Paradigmenwechsel im Gange. Immer mehr wird auf open access, freien Zugang, gesetzt. Ich bin selber Autor und lebe von meiner Wissensvermittlung. Ich bin aber der Meinung, dass bei Schulen und Bibliotheken das Copyright ausgesetzt werden sollte. Jungen Menschen sollten keine Mauern in den Weg gestellt werden, sondern sie sollten einen offenen Zugang zu Wissen haben. Im Internet besteht nur eine Schein-Offenheit, weil man da mit anderen Dingen für den Zugang bezahlt, zum Beispiel mit seinen Daten.

Wer profitiert von einer öffentlichen Bibliothek?
Die Gesellschaft in vielfältiger Dimension. Es gibt nur wenige Orte, wo man, ohne das Gefühl zu haben, manipuliert zu werden, den Fokus auf das Wissen selbst legt. In einer Zeit, in der alles durchökonomisiert wird, ist das ganz wichtig. Schulen profitieren auch stark davon. So können Bibliotheken zu außerschulischen Lernorten werden, wo man auch andere Dinge vermittelt bekommt, wie die 3D-Drucktechnik.

Wie sieht für Sie eine Bibliothek der Zukunft aus?
Vor 650 Jahren benötigten die Menschen Orte, an denen sie Wissen zusammentragen konnten. Heute haben wir einen Internetanschluss und eine tolle Qualität, was Informationen betrifft. Aber das Internet bildet nur einen Teil des Wissens ab. In Peking existiert eine großartige Bibliothek, die nachts geöffnet ist. Sie ist im Zentrum platziert und strahlt ein eindrucksvolles Selbstverständnis aus. Das ist eine Bibliothek der Zukunft, die mich begeistert.

Bibliotheken bilden in einem Zeitalter der Informationsflut einen besonders wertvollen Service, indem sie eine Auswahl treffen. Der Bestand ist kuratiert. Liegt eine weitere Chance darin, mehr Events in Bibliotheken zu veranstalten, Lesungen und andere authentische Erlebnisse zu vermitteln?
Kultur fängt da an, wo das Geschäft aufhört. Der Homo Sapiens braucht mehr als Businesspläne. Er benötigt eine kritische Auseinandersetzung mit seiner Umwelt. Bibliotheken sind Bestandteil einer Haltung. Und sie sind wunderbare Lotsen, ohne etwas zu verkaufen.

Interview: Petra Nossek-Bock
Fotos: Ranga Yogeshwar

Der Wissenschaftsjournalist Ranga Yogeshwar ist der Enkel des Mathematikers und Bibliothekars S. R. Ranganathan (1892–1972). Dieser beschäftigte sich während seiner wissenschaftlichen Laufbahn mit der Organisation von Bibliotheken. 1931 veröffentlichte er seine „fünf Gesetze der Bibliothekswissenschaft“:
• Bücher sind zum Benutzen da („Books are for use“)
• Jedem Buch seinen Leser („Every book its reader“)
• Jedem Leser sein Buch („Every reader his book“)
• Die Zeit des Lesers sparen („Save the time of the reader“)
• Eine Bibliothek ist ein wachsender Organismus („A library is a growing organism“)

Erleben Sie Ranga Yogeshwar live über Streaming beim Festakt „650 Jahre Stadtbibliothek“! Mehr Informationen zur virtuellen Teilnahme an der Veranstaltung unter www.stadtbibliothek. nuernberg.de zu finden.

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